Mafia 2

Mafia 2 zeichnet sich durch die gleichen Aspekte wie der Vorgänger aus, macht aber gleichzeitig auch dieselben Fehler. Wieder fallen Story, Charaktere, Atmosphäre und die Umsetzung erstklassig aus und es hapert wieder an der KI, es fehlen wieder die Bonusdreingaben wie Nebenmissionen. Heute sind Spieler verwöhnt, stellen sich – sobald der Begriff “Open World” fällt – einen riesigen Spielplatz à la GTA 4 oder Just Cause 2 vor, in dem man treiben kann, was man möchte. Genau das bekommt man in Mafia 2 nicht – doch genau das macht eine derart geradlinige Story wie hier erst möglich. Natürlich würde man sich gerne noch ein wenig länger in Empire Bay aufhalten, gerade nach den Story-Missionen. Aber das, was Mafia 2 sein möchte, nämlich ein klassisches Action-Spiel, das sich nicht künstlich aufbläst, setzen die Entwickler erstklassig um. Nur das plötzliche Ende stört, denn die Spielzeit steht in keinem Verhältnis zur langen Entwicklungszeit von Mafia 2.

Die Grundgeschichte von Mafia 2 sollte inzwischen jeder kennen: Sie schlüpfen in die Rolle von Vito Scaletta, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs verletzt von der Front nach Hause zurückkehrt. Dort erfährt er schnell, dass seine verwitwete Mutter Schulden bei einem Kredithai hat. Also hält sich Vito an seinen alten Kumpel Joe, der als Handlanger für die Mafia arbeitet. So rutscht Vito langsam die schiefe Bahn nach unten, kann aber immerhin die Schulden begleichen. Bis hierhin folgt die Geschichte einem klaren Ziel, Vitos Motive sind stets greifbar.

Danach verliert die Story allerdings etwas den roten Faden und es scheint Vito nur noch um die eigene Bereicherung zu gehen; ein wirkliches Ziel und mögliches Ende des Epos scheint nicht mehr in Sicht, die Geschehnisse tröpfeln vor sich hin. Erst einige Zeit später, als es plötzlich nicht mehr nur um kleine Fehden zwischen den Mafia-Familien, Schutzgeldeintreibungen oder Ähnliches geht, sondern um größere Geschäfte, kriegen die Entwickler langsam wieder die Kurve. Der Spieler erahnt, worauf der Plot hinausläuft. Das Ende selbst kommt überraschend schnell.

Doch sieht man von dem kleinen Makel ab, bietet Mafia 2 eine gut gemachte Mafia-Geschichte in den Fußstapfen der vielen, vielen Filmvorlagen, die etwa zehn bis zwölf Stunden mitreißt. Und das vor allem auch wegen ihrer toll gezeichneten Charaktere. Da gibt es schmierige, frauenfeindliche Gangster, die rauchen, saufen und jeden Abend ein anderes Mädel auf dem Schoß haben. Dann gibt es Typen, die mit ihren Taten nicht zurechtkommen – sogar Vitos Freund Joe hat zeitweise Zweifel. Die Mafia-Bosse selbst sind – so wie es sich gehört – in jeder Sekunde undurchschaubar und entpuppen sich teilweise von einer Minute auf die andere als skrupellos genug, den Spieler ins Messer laufen zu lassen. Dass die virtuellen Kerle jedoch so glaubwürdig erscheinen, hat auch mit der erstklassigen grafischen Umsetzung zu tun, denn Mimik und Gestik wirken nie unglaubwürdig, sondern vermitteln erstklassig die Emotionen der Helden.

Das alles verpacken die Entwickler in wunderbare Zwischensequenzen. Zwar könnte mancher Spieler von ihrer Zahl genervt sein, da man oftmals nur von Punkt A zu Punkt B fährt, um jeweils eines der Filmchen anzusehen. Doch letztlich macht genau das Mafia 2 aus: Story.

Die virtuelle Stadt Empire Bay stellt den Schauplatz von Mafia 2 dar und ist den Entwicklern erstklassig gelungen. Doch: Man darf nicht mit den falschen Erwartungen an 2k Czechs Gangster-Epos herangehen. Verwöhnte GTA-Spieler werden schnell von der Beschränktheit des vermeintlich großen Open-World-Spielplatzes enttäuscht sein. Aber mit genau diesem Vergleich tut man Mafia 2 unrecht. Die Geschichte um Vito Scaletta ist ein streng lineares, klassisches Action-Spiel, das grandios inszeniert wurde. Die Atmosphäre und die Detailverliebtheit der Entwickler beeindrucken innerhalb weniger Spielminuten. Im ersten Kapitel, in dem Vito wieder nach Hause kommt, trägt er noch seine Uniform. Auf der Straße versuchen Zeitungsjungen, die aktuellen Nachrichten über den Krieg und die Gräueltaten der Deutschen an den Mann zu bringen. Über die Stadt hinweg fliegt ein Geschwader Bomber. Man merkt innerhalb weniger Sekunden, dass zu dieser Zeit noch Krieg herrscht – ganz ohne großes Tamtam. Später dann, in den 1950er-Jahren, ändert sich alles. Die Farbgebung ist etwas bunter, die Mädels auf der Straße aufreizender angezogen, im Radio läuft Rock ‘n’ Roll und alles wirkt unbeschwerter. 2k Czech fängt beide Äras wunderbar glaubhaft ein.

Dazu kommt die enorme Detailverliebtheit der Entwickler bei der Gestaltung der Stadt Empire Bay. Zwar gibt es hier und da Gebiete, in denen die Gebäude hässlich ausfallen, genau wie manche Textur, doch das Gesamtbild stimmt. Laufen Sie an einer Katze vorbei, macht diese auch mal einen Buckel und faucht Vito an. Oder aber eine Passantin wird plötzlich an der Straßenkreuzung vor Ihnen von den Cops verhaftet und so weiter. Mafia 2 schafft es so, dass Empire Bay tatsächlich wie eine lebendige Stadt wirkt, vor allem deshalb, weil viele der NPCs auch untereinander interagieren oder realistisch auf Ihre Taten reagieren – mit nur wenigen Ausnahmen. Wenn Sie mit Ihrem Boliden über den Bürgersteig rasen, hechten die Leute zur Seite – oftmals im letzten Moment, wenn Sie von hinten angebrettert kommen. Ziehen Sie Ihre Knarre, gehen manche in Deckung, andere rennen schreiend davon, wieder andere ziehen selbst einen Revolver und bitten Sie, vernünftig zu sein. So fühlt man sich bald nicht mehr wie ein Fremdkörper in der virtuellen Welt, sondern wie ein Bestandteil dieser – eine der größten Stärken neben den erstklassigen Zwischensequenzen.

 

spielekings

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